[Friday Classics] Alfred Döblin–Berlin Alexanderplatz

Als ich vor rund eineinhalb Jahren meinen Blog begann, wollte ich eine Rubrik schaffen, die etwas Außergewöhnlich ist und die ich so noch auf keinem Blog gesehen hatte. Da es sich aufgrund meines beruflichen Hintergrundes und auch meines persönlichen Interesses anbot, rief ich schließlich die [Friday Classics] ins Leben.
Da ich seither einige neue Leser gewonnen habe (ich freue mich riesig darüber!!), erkläre ich euch hier noch einmal kurz, die Absicht zu dieser Reihe.
Ich hatte mir die grundlegende Frage gestellt, wer oder was Buchklassiker eigentlich sind. Man wird mit ihnen in der Schule und wahlweise auch im Studium konfrontiert. Buchbegeisterte stoßen auch in ihrer Freizeit immer wieder auf diese Klassiker: Man müsse diese gelesen haben, sie gehörten zu den Spitzen der Deutschen Literatur. Das wollte ich überprüfen, ganz subjektiv bzw. gepaart mit ein wenig fachlichen Hintergrund.
Als ersten Anhaltspunkt habe ich Marcel Reich-Ranickis Kanon der deutschen Literatur genommen. Dieser ist eingeteilt in Romane, Lyrik und Dramen. Begonnen habe ich mit den Romanen und meine bisherigen Ergebnisse könnt ihr hier nachschauen.
Mein Ziel ist es, die gelesenen ‚Klassiker‘ in zwei Rubriken einzuteilen: 1) Klassiker, von denen man gehört haben sollte, wenn man sich mit Deutscher Literatur auseinandersetzen möchte. Gelesen haben muss man sie aber nicht. 2) Das sind die Klassiker, die es wert sind, gelesen zu werden. Darunter verstehe ich Literatur, die eigentlich im Kanon stehen müsste, weil sie zeitlos und zugleich aktuell und gefällig ist. Man kann sie gut lesen, jedem gibt sie etwas mit.
Ausführlicher könnt ihr dies hier nachlesen.
Heute geht es also endlich weiter! Ich hoffe, dass ich meinen ursprünglichen Plan, ein Klassiker pro Monat, wieder aufnehmen kann.
Stecken geblieben bin ich bei Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Den musste ich das erste Mal in der 12. Klasse im Deutsch LK (ja, ich gehöre noch zur alten Schule…) lesen. Damals führten wir ein Lesetagebuch, was eigentlich auch ein recht kluger Plan meines Lehrers war. Aber das Buch hat mich geschafft bzw. ich hab es damals nie zu Ende gebracht.
Für den Blog habe ich also einen neuen Anlauf genommen…

ZUM AUTOR Alfred Döblin wurde am 10. August 1878 in Stettin geboren. Die Familie zog früh nach Berlin, wo Döblin sein Abitur und sein Studium als Mediziner absolvierte. 1905 bis 1930 arbeitete er als Nervenarzt in Regensburg, Freiburg im Breisgau und Berlin. Währenddessen begann er aber auch schon mit dem Schreiben. 1933 musste Döblin als Sohn jüdischer Eltern über Paris nach Amerika emigrieren, kehrte aber nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Am 26. Juni 1957 starb er schließlich in Emmendingen bei Freiburg im Breisgau. Alfred Döblin war Mitbegründer der expressionistischen Zeitschrift ‚Der Sturm‘.
ZUR ENTSTEHUNG DES ROMANS Alfred Döblin zählte sich als Schriftsteller zu den Naturalisten, wobei seine Wurzeln eindeutig dem Expressionismus entstammen. Berlin Alexanderplatz wurde 1929 veröffentlicht und entstammt der expressionistischen Theorie der Montage, kritisiert somit das klassische Erzählen. Geprägt wurde Döblin –und damit sein Roman- auch vom italienischen Futurismus der Malerei und Schriftstellerei. Besonderes charakteristisch ist hier das Konzept der Simultanität, das Döblin in seinem Roman perfektioniert hat.
KLAPPENTEXT/INHALT Biberkopf hat geschworen, er will anständig sein, und ihr habt gesehen, wie er wochenlang anständig ist, aber das war gewissermaßen nur eine Gnadenfrist. Das Leben findet das auf die Dauer zu fein und stellt ihm hinterlistig ein Bein.
REZEPTION Berlin Alexanderplatz ist Alfred Döblins bekanntester Roman und zugleich einer der wichtigsten (und ersten Repräsentanten) des Großstadtromans des 20. Jahrhunderts. Der Roman wurde vor allem als politische und gesellschaftskritische Aussage und als Döblins Ausdruck zum zeitgenössischen Großstadtleben verstanden. Noch bis heute gilt Döblin mit diesem Werk als wichtiger Vertreter seiner Zeit. Dies ist aber eher ein sehr literaturwissenschaftlicher Eindruck, da Döblin tatsächlich eher wenig rezipiert und besprochen wurde bzw. wird. Schon zu Lebzeiten musste sich Döblin damit abfinden, dass seine Haltung zu extrem bzw. zu uneindeutig war, so dass der große Erfolg ausblieb und keine Gruppierung ihn zu ihrem Leitvater machte.
KLASSIKER? Ich gebe zu, ich bin auch diesmal wieder an dem Roman gescheitert. Ich konnte ihn nicht bis zum Schluss zu Ende lesen. Woran liegt das?
Berlin Alexanderplatz ist kein Roman, wie wir ihn heute gewöhnt sind. Er erzählt zwar die Geschichte des Ex-Häftlings Franz Biberkopf, der nach seiner Entlassung versucht, endlich ein gesellschaftskonformes Leben zu führen und daran scheitert. Hauptsächlich beschreibt Alfred Döblin aber mit seinem Werk das Leben in einer Großstadt im Allgemeinen und in Berlin im Speziellen. Er nutzt dabei die so genannte Montagetechnik: durch das Einfügen nonfiktiver Textausschnitte, wie Lieder, Zeitungsartikel o.ä. entsteht eine Rahmen- oder Nebenhandlung die alles andere als fiktiv ist. Mit dieser Technik erzeugt der Autor zudem den Effekt der Simultanität: Biberkopfs Leben scheint parallel zum Leben Berlins abzulaufen, beide sind untrennbar miteinander verknüpft. Alfred Döblin bedient sich weiterhin auch solch anspruchsvoller Techniken wie dem Inneren Monolog, dem Bewusstseinsstrom und der Erlebten Rede.
Dieses eher kunstfertige Gebilde ist daher nicht einfach zu konsumieren oder gar zu genießen. Es ist definitiv kein Roman, den man in der Straßenbahn oder beim Warten auf den Zug liest. Er erfordert Ruhe, geistige Fitness und ein starkes Interesse am Leben und der Kultur des 20. Jahrhunderts. Liest man nur die Handlung rund um Biberkopf, so wie ich es in der 12. Klasse getan habe, dann begreift man nicht die Intention des Autors. Konzentriert man sich nur auf die eingefügten Textteile, geschieht das gleiche.
Aufgrund seiner Bedeutung für die Literatur im 20. Jahrhundert würde ich Berlin Alexanderplatz in die erste Kategorie der Klassiker einordnen: man sollte von diesem Roman gehört haben und wissen, welchen Stellenwert er in der Deutschen Literatur/ Literaturwissenschaft einnimmt. Gelesen haben, muss man ihn aber nicht. Wer sich gerne mal mit Döblin beschäftigen möchte, dem kann ich seine Erzählungen ans Herz legen. Die zeigen auch deutlich, wer der Autor war, sind aber wesentlich leichter zu verdauen.

2 comments

  1. Nadja says:

    Ich musste mal einen Ausschnitt des Romans für ein Seminar lesen und bin fast durchgedreht. Ich gebe dir mit deiner Einschätzung vollkommen recht – man muss nicht alles gelesen haben!

    Liebe Grüße
    Nadja

  2. RoM says:

    Hallo Melissa.
    Wenn Form über Inhalt steht, hat ein Roman ein grundsätzliches Problem…
    Es amüsiert mich gelegentlich, daß ernsthafte Literatur immer nur anstrengend für den Leser zu sein habe – ansonsten sie automatisch zur (scheel beäugten) Unterhaltung wird. Ist mir zusehr Denken aus dem kasteienden Elfenbeinturm. Gute Literatur bleibt für mich, wenn eine Geschichte anspricht. Nicht, wenn zuvor ein Orakel befragt werden muß.
    Vermutlich sagt mir deshalb etwa ein Schriftsteller wie Leo Perutz mehr zu.

    Feine Idee, Deine Rubrik. Bin also schon gespannt auf das kommende Klassik-Buch.

    bonté

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