[Friday Classics] Professor Unrat

Mit einer Woche Verspätung stelle ich euch nun den Juni-Klassiker vor. Es geht um Heinrich Manns Professor Unrat. Zunächst befürchtete ich, dass mich das Buch quälen würde: sein Bruder ist schon mühsam, wie soll da Heinrich Mann zu lesen sein? Dann las ich aber auf dem Klappentext, dass dieser Roman die Vorlage zum Film Der blaue Engel mit Marlene Dietrich aus dem Jahre 1930 war. Mein Interesse wurde geweckt…

Zum Autor: Luiz Heinrich Mann wurde als erstes Kind des Lübecker Kaufmannes Thomas Johann Heinrich Mann am 27. März 1871 geboren. Heinrich Mann widmete sich schon früh der Buchwelt. So begann er nach der Schule eine Buchhändlerlehre in Dresden, die er allerdings nicht beendete. Danach volontierte er für zwei Jahre im S. Fischer Verlag in Berlin. Anschließend bereiste Mann viele verschiedene Orte, er war ein unruhiger Geist. 1914 heiratet Heinrich Mann schließlich und lässt sich endgültig in München nieder. Seine Tochter Leonie blieb sein einziges Kind. 1930 lässt er sich von seiner Frau scheiden und zieht nach Berlin. Die bereits 1929 kennengelernte Nelly Kröger ehelicht Heinrich Mann neun Jahre später und wandert dann über Spanien und Portugal in die USA ins Exil aus. Aufgrund seiner sozialistischen und anti-nationalsozialistischen Äußerungen machte er sich schon früh Feinde in Deutschland. Vor der geplanten Rückkehr nach Berlin starb Heinrich Mann jedoch am 11. Mai 1950 in Santa Monica, Kalifornien.

Zur Entstehung von Professor Unrat: Der vollständige Titel des Erstlingsroman von Heinrich Mann lautet: Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen. Der Autor begann sein Werk im Jahre 1904 und brachte es schließlich ein Jahr später zur Veröffentlichung.

Rezeption: In seiner Heimatstadt Lübeck, die der Schauplatz des Romanes ist, wurde der Roman alles andere als postiv aufgenommen. Da es sich um eine genaue Gesellschaftsstudie handelte, fühlten sich die Einwohner auf die Füße getreten. Faktisch wurde dieses Buch verboten. Erst durch die vielen Übersetzungen und der Verfilmung mit Marlene Dietrich erlangte der Roman schließlich Weltruhm. Heute gehört er zu den wichtigsten Werken Heinrich Manns.


Klassiker? Der Roman erzählt von einem Gymnasiallehrer, der sich als einsamer Kämpfer gegen die ganzen Welt, insbesondere der Schüler, begreift. Er kämpft einen unsichtbaren und höchst albernen Kampf. Besonders drei Schüler reizen ihn und als diese ihn auf die Künstlerin Fröhlich aufmerksam machen, beginnt der Untergang von Professor Unrat.
So in etwa könnte man den Inhalt grob umreißen. Tatsächlich ist der Einstieg in den Roman ungemein mühsam. Nicht nur die holprige Sprache, die wohl zu Heinrich Manns Eigenarten gehören soll, schaffen doch arge Verständnisschwierigkeiten. Interessant wird der Roman erst, als die drei Schüler auftauchen und nun phasensweise das Geschehen aus ihrer Perspektive erzählt wird. Dann kommt Licht in den Nebel…
Heinrich Mann hat mit diesem Roman eine sehr scharfsinnige und nichts verschonende Gesellschaftsstudie des frühen 20. Jahrhunderts gezeichnet. Aus der heutigen Sicht ist das schwer nachzuvollziehen. Dies lag für mich vor allem an der Sprache. So blieb mir die Handlung immer sehr fern, unrealistisch. Wenngleich ich mir sehr gut vorstellen kann, wie man diese Geschichte verfilmen konnte, fehlte es mir letztendlich doch an Vorstellungskraft. Für mich blieb die Frage offen, wie die Gesellschaft damals funktionierte, was sie bewegte, was ihre Abgründe und Lichtblicke waren?
Die Figur des Professor Unrats war dabei noch am Klarsten. Sein irrsinnig verwirrter Geist, sein skurriles Äußeres werden durch den Spiegel seiner Mitmenschen wirklich gut skizziert. Die Künstlerin Fröhlich bleibt dagegen so vage wie die Schüler. Ihre Absichten, Wünsche und Gedanken sind verschwommen.

Heinrich Mann ist ein sehr wichtiger und bedeutender Schriftsteller der deutschen Literatur. Vor allem für seine Zeitgenossen war Mann in politischen Belangen eine Bezugs- und Orientierungsperson. Für mich hat er so vor allem historischen bzw. theoretischen literaturwissenschaftlichen Wert. Ich denke nicht, dass man diesen Roman gelesen haben muss, aber man sollte doch wissen, wer Heinrich Mann war, sofern man sich für die Geschichte der deutschen LIteratur interessiert. Vielleicht ist Professor Unrat deswegen auf die Liste der deutschen Klassiker von Marcel Reich-Ranicki gelandet, eben wegen der historischen Bedeutung.

Habt ihr schon einmal etwas von Heinrich Mann gelesen? Würdet ihr einen Roman lesen, nur weil er auf einer „Klassikerliste“ steht?

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