[Gelesen] Anthony McCarten – Superhero

Dies ist eine der Rezensionen, die mir schwer fällt. Aber nicht, weil das Buch so schlecht, gut oder mittelmäßig wäre. Sondern einfach, weil es sehr schwer ist, meine Gefühle zu diesem Buch in Worte zu kleiden. Ich will es aber dennoch versuchen und hoffe, das ich mich euch verständlich machen kann.

superhero

 

 

Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 303
Preis: 9,90 Euro
Genre: Krankheit, Erwachsen werden, Liebe, Jugend, Familie

 

 

 

KLAPPENTEXT Donald Delpe ist 14, voller unerfüllter Sehnsucht, Comiczeichner. Er möchte nur eines wissen: Wie geht Liebe? Doch er hat wenig Zeit – er ist schwerkrank. Was ihm bleibt, ist ein Leben im schnellen Vorlauf. Das schafft aber nur ein Superheld. Donald hat sogar einen erfunden – MiracleMan. Aber kann MiracleMan ihm helfen, oder braucht Donald ganz andere Helden?

MEINE ERWARTUNGEN Der Klappentext hüllt sich ja in wage Andeutungen und seltsame Fragen. Dennoch war ich irgendwie neugierig und irgendwie – ob Einbildung oder nicht – spürte ich, dass das ein bewegendes Buch sein wird.

MEINE EINDRÜCKE Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an den Roman gewöhnt hatte. Bis er und ich eine Verbindung hatten und ich mich in die Geschichte einfühlen konnte. Doch dann habe ich mich beinahe nicht getraut, das Buch zu Ende zu lesen.

Aufblende… Donald Delpe. Vierzehn. Magerer Junge, Schultern dürr wie ein Kleiderbügel. Schräger Vogel. Keine Augenbrauen, keine Haare. Gesicht wie eine Pellkartoffel. (S. 11)

Das ist Donald, Krebs krank und eigentlich noch viel zu jung zum Sterben. Doch im Gegensatz zu seinen Eltern hat er sich selbst schon aufgegeben und wartet nur noch auf sein Ende. Das liest man auch in seinen Comics, in denen MiracleMan gegen einen Bösewicht ankämpft und gegen alle Wahrscheinlichkeit doch immer wieder überlebt. Obwohl er das eigentlich nicht will. Wie Donald ist MiracleMan lebensmüde und gleichzeitig voller Hunger nach den noch unbeantworteten Fragen. Die einzige, die Donald beschäftigt: Wie ist das eigentlich mit der Liebe und mit dem Sex? Sein größter Wunsch: nicht als Jungfrau zu sterben.
Neben Donald sind da noch seine Eltern, sein älterer Bruder und sein Psychiater. Sie alle verkörpern ganz unterschiedliche Rollen. Die Mutter, die sich in Literatur rund um das Thema Krebs verliert, weil sie hofft, so ihrem Sohn den nötigen Lebensmut zurückzugeben und weil Aufgeben keine Alternative ist. Der Vater, der verzweifelt versucht, die Situation des Sohnes zu akzeptieren und nicht weiß, wie er sich richtig verhalten soll. Der große Bruder, der kaum in Erscheinung tritt und dennoch Donald wichtige Weisheiten mit auf den Weg gibt – aber am Ende vom kleinen Bruder alles lernt. Und der Psychiater, der selbst ein beklemmendes Leben führt und einen Weg sucht, Donald das Sterben leichter zu machen.

Wenn ich nur über diese Figuren nachdenke, dann fühle ich mich schon erdrückt. Ein bedrückendes Szenario um das Leiden, Lieben und Kämpfen. Ganz im Gegensatz steht dazu Anthony McCartens Schreibstil.
Eine Mischung aus Comic, Film-Drehbuch und inneren Monologen. Direkt, unverhüllt und dabei brutal ehrlich. Am Anfang dachte ich noch, dass das der Thematik nicht gerecht wird. Spätestens in der Mitte und ganz sicher gegen Ende war dieser Schreibstil aber der einzig richtige.
Während die Comicszenen auf ganz eigene Weise Donalds Gefühlswelt darstellen, können die Drehbuchszenen und Monologe problemlos zwischen den Figuren wechseln und so eine mehrdimensionale Sicht auf die kleine Welt ermöglichen. Dadurch konnte ich mich als Leser bald nicht mehr den Gefühlen und Gedanken von Donald und seinen Mitmenschen entziehen.
Anthony McCartens Schreibstil zeigt in seiner Direktheit alle Sensibilität und Wahrheit, wie sie für solch ein schwieriges Thema notwendig ist. So musste ich besonders am Schluss schwer schlucken und war froh, im Bus zu sitzen, damit ich nicht weinen kann.

Weil mir immer noch die Worte fehlen, um meine Gedanken für euch verständlich zu machen, möchte ich zum Abschluss noch ein Zitat wiederholen, dass sich auch auf dem Buchrücken befindet. Es stammt von Evelyn Finger aus Die Zeit und fast einen meiner Gedanken gut auf:

Anthony McCartens Roman Superhero ist ein radikales Buch über den Hunger nach Liebe und das Sterben im Pop-Zeitalter. (…) Nach der Lektüre dieses Buches sieht man superheroisch dem Tod ins Auge und traut sich zu, das Leben, die Liebe neu zu definieren, wie der jugendliche Überheld es vormacht.

FAZIT Superhero ist mit Sicherheit kein Buch, das ich leichtfertig jedem empfehlen würde. Zunächst einmal sollte man sich die Thematik zutrauen und dann ist die größte Hürde der Schreibstil. Bis zum Schluss musste ich manchmal mit ihm kämpfen, auch wenn er mir so die Geschichte um Donald besonders nahe gebracht hat. (Dafür gibt es den Punktabzug) Wer Interesse hat, schlägt das Buch am besten an einer x-beliebigen Stelle auf und liest – bleibt das Interesse, wird der Roman das Herz erobern. Ich bin jedenfalls beeindruckt und berührt.

IN DREI WORTEN ehrlich, direkt, berührend

4Eulen

Andere Rezensionen: Deutschsprachige Literatur | Literaturkritik

2 comments

  1. Julia says:

    Und doch ist dir die Rezension richtig gut gelungen! Ich werde bei Gelegenheit mal reinlesen und schauen, ob ich mich mit dem Schreibstil anfreunden kann.

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