[Gelesen] Burkhard Voss – Deutschland auf dem Weg in die Anstalt

Meine Familie wird gerne (auch von uns) als verkopft bezeichnet. Wir analysieren und hinterfrgen alles. Daher fühlte ich mich beim Untertitel des Buches „Wie wir uns kaputtpsychologisieren“ durchaus angesprochen. So nahm ich das Angebot des Rezensionsexemplars gerne an. Ich danke dem Verlag für das Zusenden!

deutschland

 

Verlag: Solibro Verlag
Autor: Burkhard Voss
Seiten: 160
Preis: 14,80 Euro
Genre/Thema: Sachbuch, Psychologie, Gesellschaftskritik

 

 

 

 

KLAPPENTEXT Partnerschaften, in denen die Beziehung ständig thematisiert und pausenlos psychologisiert wird, sind erfahrungsgemäß die schlechtesten. Dabei ist Reflexivität nicht grundsätzlich schlecht. Doch wird sie in unserer postmodernen Gesellschaft maßlos übertrieben. Eine uferlose Reflexivkultur ist entstanden. Das Ergebnis sind überdrehte Zeitgenossen, die mit ihrem ständigen Psychologisieren und Problematisieren nicht nur nervtötend sind, Sondern auch wichtige Entscheidungen blockieren. Ob im privaten Umfeld oder in der Politik. Eigene Befindlichkeit geht vor Gemeinwohl, Subjektives sticht Tatsachen, Wohlfühl-Diktat schränkt individuelle Freiheit ein.

MEINE ERWARTUNGEN Ich nahm an, mit dem Buch einen kritischen Blick auf die heutige Gesellschaft zu erhalten. Dass beleuchtet wird, wie sie tickt. Auch erwartete ich Lösungsvorschläge bzw. Prognosen, wo das hinführen kann.

MEINE EINDRÜCKE Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Wolfgang Clement, ehemaliger SPD-Politiker, Ministerpräsident a.D. und Bundesminister a.D.. Warum man ausgerechnet ihn um ein Vorwort bat, ist mir nicht ganz klar, aber er fasst gut zusammen, worum es im Buch geht. Und er macht auch deutlich, dass man den Stil des Autors nicht mögen müsse, seine Sichtweise aber geeignete Denkanstöße seien.

Nun, ich konnte mich mit fortschreitendem Lesen immer weniger davon frei machen, dass mir die provokative Art des Autors missfällt. Anfangs fällt das auch noch nicht so sehr auf, da in den ersten Kapitel sehr sachlich wichtige Begrifflichkeiten erklärt werden. Je weiter Burkhard Voss jedoch in seine Theorien und Sichtweisen eintaucht, desto mehr fühlte ich mich als Leser überflüßig und nicht angesprochen. Er wirft zunehmend einfach nur seine Meinung in den Raum, ohne sie mir ausreichend zu begründen oder gar eine Gegenposition darzustellen. Ich kenne mich vielleicht auch zu wenig in der Materie aus, um dann alleine beurteilen zu können, ob Voss richtig liegt oder nicht.

Deutschland auf dem Weg in die Anstalt handelt meinem Verständnis nach davon, dass unsere Gesellschaft sich immer mehr darin verliert, alles auszudiskutieren, zu analysieren und zu psychologisieren, ohne wirklich an ein Ziel zu gelangen. Stattdessen lähmt dieses Verhalten und es werden kaum noch Entscheidungen getroffen, klare Aussagen getroffen oder eindeutige Standpunkte bezogen. Denn irgendjemanden könnte man dann ja damit verletzen. Irgendjemand könnte sich dadurch missachtet fühlen.
Grundsätzlich finde ich die Thematik hochspannend. Ich fand allerdings, dass Voss immer mehr von diesem Kernthema abkommt und sich selbst in Kleinigkeiten verliert. Zum Schluss forder Burkhard Voss auf die Reflexivkultur zu überwinden.

Jenseits der Reflexivkultur wird es wieder um Projekte und Ideen gehen und nicht darum, wer was wann gesagt und wie gemeint hat. Nicht „was macht das mit mir“, sondern „wie mache ich es unter den Umständen“ wird wieder Priorität haben. Oder, um es mit den leicht veränderten Worten von Antoine de Saint-Exupéry auszudrücken: Leben heißt nicht, nach innen zu schauen bis man nichts mehr sieht, sondern Leben heißt, nach vorne zu schauen. (S.149)

FAZIT Teilweise konnte ich Burkhard Voss zustimmen, teilweise gar nicht. Aber ich finde es dennoch gut und wichtig, dass es solche Bücher gibt. Sie regen wirklich zum Nachdenken an, zeigen manchem vielleicht eine Sicht auf sich und die Gesellschaft, die er noch nicht kannte. Mir als Pragmatikerin fehlen allerdings häufig die greifbaren Lösungsansätze.

IN DREI WORTEN interessant, polemisch, diskursiv

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