[Gelesen] Chris Beckett – Messias Maschine

Dieser Roman kam ja auf Platz 2, als ich euch bat, darüber abzustimmen, was ich als Nächstes lesen soll. Deswegen habe ich ihn direkt nach Inselzauber von Gabriella Engelmann in die Hand genommen. Das war ein ziemliches Kontrastprogramm.

 

S7300009

 

Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag
Seiten: 332
Preis: 9,99 Euro
Genre: Science Fiction

 

 

 

 



INHALT Illyria City ist ein Stadtstaat, in dem Wissenschaft und Vernunft regieren. Damit grenzt sie sich vom Umland ab, das nach der Reaktion von sämtlichen Weltreligionen und deren Abspaltungen beherrscht wird. Alles nicht Beweisbare ist aber in Illyria streng verboten. Hier gibt es Fantasiewelten und Roboter, die den perfekten Menschen kopieren. In solch einen Roboter verliebt sich George: Lucy, ein Syntec, der dazu konzipiert wurde, den Menschen Vergnügen zu bereiten. Als sich Unruhen in seiner Heimat ankündigen, denn die Gastarbeiter verlangen Religionsfreiheit, schließt sich George einer Untergrundbewegung an. Als aber alle Roboter nach 6 Monaten neuprogrammiert werden sollen, und seine Geliebte damit ihn vergessen würde, nimmt Goerge Lucy mit auf seiner Flucht aus Illyria ins feindliche Umland.

MEINE ERWARTUNGEN Ich war aufgrund des Umschlagtextes sehr gespannt auf diesen Roman. Er wirkte sehr dünn und ich fragte mich, wie man in solch einem schmalen Bändchen eine Dystopie umfassend erstellen könnte. Ich erwartete Spannung und eine interessante Dystopie, die das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Religion bespricht.

FAZIT Ein interessanter Ansatz, der mich aber nicht fesseln konnte.

Obwohl der Roman so dünn erscheint, hat er ja doch recht viele Seiten. Sie sind klein bedruckt und das Papier ist eher dünn. Das erklärt meinen falschen Eindruck. Zudem ist der Roman in sehr viele, sehr kurze Kapitel eingeteilt. Manchmal ging ein Kapitel nur über zwei Seiten. Bei einem Taschenbuchformat ist das nicht sehr viel. Ein Kapitel bildet für mich immer eine inhaltliche Einheit. Danach holt mein –symbolisch oder in echt- einmal Luft und liest weiter. Es ist also eine gedankliche Zäsur, wenn man von einem Kapitel zum nächsten geht. In Messias Maschine waren mir das eindeutig zu viele Unterbrechungen, so dass ich nicht richtig in die Geschichte eintauchen konnte. Nach hinten raus werden die Kapitel zwar länger, aber dann gab es andere Kritikpunkte, die ein Eintauchen verhinderten.

Unser Staat ist eine Zuflucht für die Vernunft […] ein Ort, an dem die Vernunft Unterschlupf findet, bis der Rest der Welt wieder bei Sinnen ist.

Bei der Zusammenfassung des Inhalts weiter oben tat ich mich wirklich sehr schwer. Denn eine richtige Handlung entstand für mich erst ab etwa der Hälfte des Romans. Davor beschäftigt sich der Roman recht ausführlich mit der Darstellung der Welt in Illyria. Das fand ich auch eigentlich ziemlich gut, denn so konnte man sich als Leser ein sehr genaues Bild davon machen, in welchen Sphären sich George bewegt.
Allerdings erzählt George dem Leser die Geschichte. Und ihm bzw. dem Autor gelingt hier keine gute Mischung. Denn George wirkt sehr abweisend, unnahbar und unnatürlich.

„Tja, kann schon sein, aber sie tun mir trotzdem leid“, erwiderte sie und schaute mich beinahe so an, als wäre ich einer der Roboter, für den sie Mitgefühl empfand: dieses ungelenke Geschöpf, das sich mühte, den Funken der Spontaneität, der Natürlichkeit, des Lebens in sich aufzuspüren…

Er erzählt vor allem zu Beginn des Romans alles mit einer Spur von Verachtung, Ekel und Abneigung. Besonders sein Verhalten gegenüber seiner Mutter ist da sehr irritiert. Da dieses Verhalten aber nicht näher begründet wird, bleibt George unsympathisch und der Leser hat schon nach wenigen Seiten lauter Fragen im Kopf, die im Laufe der Geschichte nicht mehr ausreichend beantwortet werden.
Neben dieser Erzählweise werden aber noch andere Perspektiven eingeflochten, die sich eigentlich Georges Wissen entziehen müssten. So tauchen auf einmal Abschnitte auf, in denen der Leser in Lucys Kopf, also in den Kopf eines Roboters hineinschauen kann. Das ist zwar wirklich interessant und erhöht die Spannung, allerdings ist George kein Roboterkonstrukteur und sagt selbst, dass er davon keine Ahnung habe…wie kann er also wissen, was im Detail in Lucy abläuft? Zumal darauf später nicht eingegangen wird. Die Handlungsabschnitte, die aus der Sicht der Mutter erzählt werden, die, so erfahren wir später, hat Rose ihrem Sohn später selbst weitergegeben. Damit passen sie in die Erzählstruktur.
Diese Inkonsequenz der Erzählweise hat mich streckenweise irritiert, aber meistens doch eher einfach nur gestört und auch irgendwie wütend gemacht. Denn es hat mir ein gutes Stück vom Lesevergnügen genommen.

Ich erhaschte einen Blick darauf, was Glaube bedeuten konnte: Er konnte eine Kraft jenseits der eigenen unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle sein, an die man sich halten konnte…

Dass aufgrund dieser Erzählweise die Figurenzeichnung darunter leidet, ist dann nachvollziehbar. Zwar konnte ich George auf seiner Flucht immer besser verstehen, aber auch das wird wieder gebrochen, als er plötzlich einen folgenreichen Entschluss fast, ohne dass dem Leser die Motivation dahinter wirklich deutlich wird. Überhaupt macht es den Eindruck, als ob George nur einen kleinen Teil seiner Gedanken Preis gibt. Die anderen Charaktere wie Rose, Lucy und Marija sind in ihrer Einfachheit dagegen sehr konsequent und in sich stimmig. Sie handeln in ihrem beschränkten Rahmen logisch und gut motiviert.
Chris Beckett hat sich meiner Meinung nach sehr stark auf den Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft konzentriert. Dadurch wirkt das Buch weniger wie ein Roman, sondern mehr wie eine wissenschaftliche, theoretische Abhandlung. Das macht den Roman natürlich anstrengend zu lesen. Zumal der Hintergrund, vor dem diese Abhandlung stattfindet, eher merkwürdig konzipiert wurde. Wenn man sich auf den theoretischen Teil konzentriert, dann enthält der Roman einige sehr interessante Gedankenansätze, über die sich gut diskutieren ließe. Wer aber, so wie ich, eine Geschichte eines Mannes erwartet, der sich in einer Welt im Kampf zwischen Glaube und Vernunft befindet, wird hier eher enttäuscht.
Ich würde zwar nicht sagen, dass ich mich durch diesen Roman gequält habe, aber er hat mir doch immer wieder ein Stirnrunzeln verschafft. Ich ertappte mich mehrmals dabei, wie ich ausrechnete, wie viele Seiten ich noch lesen muss. Lesevergnügen kann man das nicht wirklich nennen.

2Eulen

2 comments

  1. Nadja says:

    Du hast mit allem, was du sagst, vollkommen recht. Ja, George wirkt unsympathisch, seine Handlungen sind teilweise irrational, die Geschichte kommt erst spät in Fahrt. Merkwürdigerweise hat mir das alles gar nicht so viel ausgemacht. Ich fand die Geschichte rund um Illyria so faszinierend und wollte unbedingt wissen, wie es ausgeht, dass ich das einfach überlesen habe. Den Einblick in Lucys Gehirn fand ich sehr spannend.

    Oh, ein Buch, das ich dir noch empfehlen wollte:
    Das neue Buch Genesis. Ich denke, das könnte dir gefallen, denn es ist auch eine Utopie, aber bei Weitem besser geschrieben.

    http://www.amazon.de/neue-Buch-Genesis-Bernard-Beckett/dp/3839001285/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1345651325&sr=1-2

    Liebe Grüße
    Nadja

    • Melissa says:

      Danke, dass du meinen Eindruck bestätigst. Wenn man sich für die Geschichte um Illyria interessiert, dann ist das Buch wirklich nicht schlecht!

      Deinen Buchtipp werde ich mir mal genauer ansehen, auch dafür danke!
      Liebe Grüße

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