[Gelesen] Jo Nesbo – Schneemann

Am 23. April war ja der Welttag des Buches. Diesbezüglich startete die Aktion Lesefreunde einen Aufruf, damit Lesebegeisterte Bücher verschenken können. Ich habe dabei auch mitgemacht und Jo Nesbos Schneemann verschenkt.
Natürlich habe ich auch ein Exemplar für mich zurückbehalten, damit ich es lesen kann. Schließlich kenne ich den Roman selbst noch nicht. Alle meine Beschenkten haben mir zurückgemeldet, dass dieses Buch total spannend und ganz toll sei! Das hat mich ganz kribbelig gemacht, denn ich hatte das Buch noch nicht gelesen, wollte aber mitreden können! (Natürlich habe ich mich auch gefreut, dass der Roman zu gut angekommen ist.)
Aber aufgrund meiner Masterarbeit musste ich doch ein paar Monate eine Krimipause einlegen. Zumindest las ich keine Krimis mehr, die ich auch in meiner Arbeit hätte besprechen können. Jetzt hatte allerdings die Neugierde gesiegt und ich griff zum Schneemann.

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Verlag: Ullstein Taschenbuch
Seitenzahl: 489 Seiten
Preis: ca. 10 Euro
Genre: Krimi

 

 





Inhalt: Vier Frauen wurden brutal ermordet, und als Visitenkarte hinterließ der Mörder in ihren Gärten einen Schneemann. Harry Hole und seine neue Kollegin Katrine Bratt vermuten deshalb, dass er mit einem Trauma kämpft. Warm sollte er sonst ausgerechnet junge Mütter töten? Oder ist der entscheidende Hinweis die seltene Erbkrankheit, die ihre Kinder haben? Könnte der Mörder Arzt sein? Eine Fährte nach der anderen erweist sich als falsch. Als Harry das Geheimnis einer der Frauen aufdeckt, erkennt er das Motiv – und was auf dem Spiel steht. Doch erst als er sich seine eigene Lebenslüge eingesteht, tritt der Mörder aus dem Schatten.

Meine Erwartungen: Über Polizeiromane habe ich meine Masterarbeit geschrieben. Ich hoffte also auf einen gut aufgebauten, spannenden und in sich logischen Roman. Ich wollte gut unterhalten werden und Spaß am Lesen haben.
Fazit: Wow, schon lange keinen so spannenden Krimi mehr gelesen!

Ich versuche mal, meine Begeisterung nicht zu sehr mit literaturwissenschaftlichen Gedöns aufzufüllen. Die Handlung ist zwar klassisch für einen Polizeikrimi aufgebaut, aber dabei auch voller Stolperfallen und unerwarteten Wendungen, dass sie weder vorhersehbar noch langweilig wird. Ich habe von Kapitel zu Kapitel mitgefiebert und mich manchmal sogar nicht getraut, eine Seite umzublättern; voller gruseliger Spannung, was mich wohl erwarten wird.
Es gibt in diesem Roman zwei Erzählstränge. Der eine konzentriert sich voll auf das Ermittlungsteam: Aus der Perspektive des Hauptkommissars Harry Hole werden die Bemühungen der Polizei geschildert, den Mörder zu fassen. Dabei bekommt der Leser auch einen tiefen Einblick in Harrys Privatleben. Das macht den Ermittler menschlicher und so manche seiner Entscheidungen werden dabei auch verständlicher. Insgesamt sind alle Figuren, und seien sie noch so klein, wirklich gut eingeführt und beschrieben. Jo Nesbo schafft es mit wenigen Worten, den ganzen Charakter einer Figur zu umschreiben. So ahnte ich zum Beispiel bei einer Figurenbeschreibung sofort, dass sie später noch einmal eine wichtige Rolle spielen wird. Und ich hatte Recht.
Der zweite Erzählstrang beschäftigt sich mit den Opfern. Wobei hier sowohl die Ermordeten als auch deren Angehörigen eine Rolle spielen. So erlebt der Leser einmal mit, wie ein Opfer umgebracht wird, ein anderes Mal erhält er Einblick in die Gedanken eines Angehörigen.

Aune hatte recht: Jedes Baby war bei der Geburt ein perfektes Wunder, und das Leben im Grunde nur ein fortlaufender Zerstörungsprozess.

Dies ist alles sehr klassisch und lässt sich in vielen anderen guten Krimis wiederfinden. Was aber ist das Spannende und Besondere an diesem Roman? Warum hat er einen Krimipreis bekommen?
Es liegt, wie bereits erwähnt, an den Wendungen in der Handlung. Sie ist nicht wirklich stringent und damit so realistisch. Harry Hole bemerkt mehrmals, dass Ermittlungen auch über Jahre hinweg andauern können, dass man auch toten Spuren folgen muss, um schlussendlich den Mörder zu entdecken. Und dies alles erlebt der Leser mit: er folgt Harrys Instinkt, geht mit ihm in dunkle Keller und läuft auch immer mal wieder in eine Sackgasse. Manche empfinden dies vielleicht als langatmig; ich finde, dass es so dem Leser möglich gemacht wird, mitzurätseln und alle Entscheidung auch nachvollziehen zu können. Hier sitzt kein Sherlock Holmes, der plötzlich Schlussfolgerungen zieht, die dem Leser schleierhaft bleiben.
Das Gefühl des Miträtselns wird noch verstärkt, wenn im zweiten Erzählstrang immer neue Andeutungen gemacht werden. Plötzlich verhält sich ein Verwandter verdächtig oder man begleitet ein Opfer in einen dunklen Wald oder es taucht schlicht wieder ein Schneemann auf. Ich habe mehrmals geschluckt und gedacht, dass ich froh bin, diesen Roman bei Tageslicht und im Sommer zu lesen. Und ehrlich, ich habe diesmal keine Seiten zum Einschlafen gelesen. Ich hatte Angst vor Albträumen. Das klingt jetzt sehr dramatisch, ich schreibe dies aber dem plastischen, sehr realistischen und detaillierten Sprachstil Jo Nesbos zu. Bei mir entstanden sofort Bilder; ich habe die Kälte des Schnees gespürt oder es wurde um mich herum dunkel, wenn ein Protagonist in einen Wald oder in der Nacht herumlief. Jo Nesbo hat es verstanden, mit seinen Worten Spannung zu erzeugen. Und sie war manchmal so hoch, dass ich anschließende Sätze nur ganz zögerlich und langsam gelesen habe, weil ich mich vor dem Kommenden gruselte. Hier liegt also nicht nur ein Polizeikrimi vor uns, sondern auch ein Thriller oder ein Gruselbuch.

Zwar ist Schneemann der siebte Teil der Harry Hole-Reihe, aber die Referenzen auf vorangegangene Romane sind so minimal und verhältnismäßig irrelevant für die Handlung, das dies nicht gestört hat. Mich persönlich hat es sogar so neugierig gemacht, dass ich die anderen Fälle von Harry Hole nun auch lesen mag.
Alle Krimi- und Thrillerfans werden hier absolut auf ihre Kosten kommen! Ich kann nur sagen: lest diesen Krimi!
So, und für jene, die sich bis hierhin durchgelesen haben, habe ich noch ein kleines Extra:
Ich habe noch zwei Exemplare aus meiner Verschenkungsaktion übrig. Die möchte ich euch gerne weitergeben. Wär jetzt also neugierig auf Schneemann geworden ist, ihn aber nicht in greifbarer Nähe hat, der schreibt einfach in einem Kommentar „Ich will einen Schneemann bauen!“. Damit landet ihr im Lostopf (falls es mehr als zwei Leute sein sollten). Ihr habt eine Woche Zeit, bis zum 4.8.2012 12 Uhr. Dann gebe ich die Glücklichen bekannt!

 Welcher Krimi hat euch zuletzt so richtig gefesselt?

4 comments

  1. Julia says:

    Das klingt ja spannend! „Ich will einen Schneemann bauen!“

    Der letzte Krimi, der mich so richtig gefesselt hat, war „Stigma“ von Michael Hübner (bzw. „Der Märchenerzähler“ von Antonia Michaelis, aber das empfinde ich nicht so als typischen Krimi).

  2. Claudine Alias says:

    Hallo=)

    wow, eine tolle Rezension, das Buch klingt wirklich sehr gut!
    Der letzte Thriller/Krimi der mich mitgerissen hat, war „der Erdbeerpflücker“; einfach ein geniales Werk.
    Achja, „Ich will einen Schneemann bauen!“ :)

    LG

  3. christerl says:

    Ich habe das Buch vor einem Jahr auf Englisch gelesen und mir ging es genau so wie dir: Ich war gefesselt! Es war so unheimlich spannend – und als ich einmal eine Nacht allein in der Wohnung verbringen musste, habe ich mich richtig gefürchtet – ich habe das Buch weggelegt und stattdessen am Abend Winnie the Pooh gelesen *g*
    Da das Buch damals nur geliehen war, würde ich trotzdem gerne bei deinem Gewinnspiel mitmachen: Ich will einen Schneemann bauen!
    Alles Liebe

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