[Gelesen] Julie Kibler – Zu zweit tut das Herz nur halb so weh

Zugegeben, der deutsche Titel ist nicht so schön wie das wehmütig anklingende Original „Calling me home“. Dennoch konnte das Buch stellenweise berühren. Und von diesem spreche ich:
S7300157 (2)

 
Verlag: Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH
Seiten: 311
Preis: ca. 17 Euro

Genre: Liebe, Diskriminierung

 

 

 

 

INHALT Die betagte Miss Isabelle bittet ihre dunkelhäutige Friseuse Dorrie, sie auf einer Beerdigung zu begleiten. Auf dem langen Weg dort hin erzählt Isabelle von ihrer ersten großen Liebe: der Liebe zwischen einem weißen 17-jährigen Mädchen und einem schwarzen jungen Mann in den 1940er Jahren von Amerika, der Zeit von Rassentrennung und Vorkriegsstimmung.

MEINE ERWARTUNGEN Ich erwartete eine gelungene Mischung aus Romantik, Gefühlen und der bitteren, schonungslosen Realität. Ich wünschte mir authentische Charaktere und zugleich eine feinfühlige, aber nicht beschönigende Schilderung der Rassentrennung in Amerika. Zudem hoffte ich, dass die Vergangenheit interessante Auswirkungen auf die Gegenwart haben wird.

FAZIT Ein gelungener Roman ohne viel Aufregung.
Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Da ist zum einen Dorrie in der Gegenwart, die von ihrer Reise mit Isabelle durch ganz Amerika bis nach Cinncinati erzählt. Dort will Isabelle auf eine Beerdigung, ohne zu sagen, wer gestorben ist. Aber Dorrie und Isabelle verbindet mehr als der wöchentliche Haarschnitt. Und so freut sich Dorrie darauf, mehr von Isabelle zu erfahren.
Diese erzählt in Rückblenden und aus der Ich-Perspektive aus ihrer Jugend in den 1940er Jahren. Mit gerade 17 Jahren entdeckt Isabelle ihre Gefühle zu einem schwarzen jungen Mann namens Robert, der Isabelles Vater bei handwerklichen Belangen unterstützt. Diese Liebe ist verboten und könnte Robert sogar das Leben kosten. Und dennoch versuchen die beiden gegen alle Widerstände gemeinsam ein Leben aufzubauen.

„Die Anständigen bleiben manchmal länger, als man denkt.“

In beiden Erzählsträngen ist die Sprache schlicht, aber eindringlich. Mit einfachen Worten erschafft Julie Kibler eine neue Welt, die so fiktiv gar nicht ist. Besonders die Lebensumstände, in denen sich die jungen Leute in den 1940er Jahren gefangen sahen, sind für Europäer unvorstellbar bedrückend. Aber auch noch heute sieht sich die dunkelhäutige Dorrie mit Rassismus konfrontiert, der einen fassungslos staunen lässt.
Und dennoch blieben mir die Charaktere etwas fern. Während die alte Isabelle noch verschroben und dadurch interessant wirkt, verliert ihre jüngere Ausgabe deutlich an Ausdruckskraft: mal ist sie mutig, mal trotzig rebellisch, mal ist sie naiv und beugsam gegenüber ihrer Familie. Zwar kommentiert ihr älteres Ich mit Reue ihre Handlungen, dennoch konnte ich nicht immer verstehen, warum die junge Isabelle so und nicht anders gehandelt hat.
Bei Dorrie ist es ähnlich. Während sie sich auf die Reise begibt, geschieht zu Hause eine Katastrophe nach der anderen. Ähnlich wie Jung-Isabelle reagiert sie meist wie betäubt, lässt sich treiben und macht nur zaghafte Vorstöße. Allerdings konnte ich ihre Gefühle besser nachvollziehen, denn Dorrie spricht, anders als Isabelle, sehr offen darüber.
Da die Geschichten aus der Perspektive dieser beiden Frauen erzählt werden, sind die übrigen Charaktere natürlich entsprechend weniger vielschichtig angelegt. Das finde ich vor allem bei Robert, dem jungen Mann, in den sich Isabelle verliebt, sehr schade. Auch bei Isabelles Eltern hätte ich mir mehr Hintergründe gewünscht. Das hätte die Rassen-Thematik noch runder gemacht.

„Ich glaube, du bist eine gute Mutter, Dorrie. Aber meinst du, es funktioniert? Die Dinge einfach nur anders zu machen als deine Mutter?“

Dennoch habe ich den Roman sehr gerne gelesen. Es gibt einige wirklich berührende und sehr erschütternde Stellen im Buch, die mich an die Geschichte gebunden haben: ich wollte wissen, ob Robert und Isabelle ein gemeinsames Leben aufbauen konnten, auf wessen Beerdigung Dorrie und Isabelle gehen werden und letztendlich auch, ob Dorrie ihr Leben wieder gerade biegen kann. Leider ist Dorries Geschichte ein wenig kurz geraten, aber insgesamt ist es der Autorin sehr gut gelungen, ein emotionales und zugleich realistisches Bild einer unmöglichen Liebe zur Zeit der Rassentrennung in Amerika zu zeichnen. Und ich denke, das sollte der Schwerpunkt des Buches sein. Daher ist der Roman wirklich gut gelungen.

4Eulen

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