[Gelesen] Thomas Schrage–Theatertod

Diese Rezension ist für mich eine Herausforderung. Deswegen wird sie möglicherweise in ihrer Form ein wenig von den anderen abweichen. Um euch aber meine Eindrücke zu diesem Buch vermitteln zu können, ist es wohl nötig.
Ich habe dieses Buch über twitter als Rezensionsexemplar von der lieben Lena gewonnen Vielen herzlichen Dank noch einmal dafür!
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Verlag: Gmeiner Verlag
Seiten: 437
Preis: 11,99 Euro
Genre/Thema: Krimi, Theater, Gesellschaft

 

 

INHALT Michael arbeitet als Regieassistent am Kölner Schauspieltheater. Schon lange strebt er seine erste eigene Produktion an, aber mit dem störrischen Intendanten und dem herrschsüchtigen Schauspieldirektor scheint er wenig Chancen zu haben. Dann findet er einen Schauspieler tot auf der Bühne. Selbstmord heißt es, durch Sprung vom Schnürboden. Doch Peter hatte Höhenangst. Michael glaubt daher nicht an einen Selbstmord, zumal Peter ihm kurz zuvor noch signalisiert hatte, nicht aufgeben zu wollen. Mit dieser Vorstellung bleibt Michael allerdings alleine und so muss er im Verborgenen ermitteln…
MEINE ERWARTUNGEN Ich habe schon seit meiner Jugend eine besondere Bindung an das Theater. Ursprünglich wollte ich dort sogar einmal arbeiten, weshalb ich auch ein Jahr als Regiehospitantin am Stadttheater Freiburg gearbeitet habe. Doch die Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt das Zwischenmenschliche haben mich zum Umdenken gebracht. Schlussendlich habe ich meinen Abschluss mit einer Arbeit über Fotografie und Kriminalromane bekommen. Nun finde ich Krimi und Theater in einem Buch vereint. Das muss mir einfach liegen! Und so hoffte ich auf tiefe Einblicke hinter die Kulissen, einen spannenden Krimi und eine tolle Ermittlung.

MEINE EINDRÜCKE Die Handlung beginnt mit Michael auf der Bühne. Er muss eine Ansage vor einer Aufführung machen, da eine der Schauspielerinnen einen Gips trägt. Er verhaspelt sich mehrmals dabei, ist schrecklich nervös und froh, als er endlich wieder hinter die Bühne verschwinden kann. Michael ist zurückhaltend, ehrlich und pflichtbewusst. Er geht seiner Arbeit als Regieassistent sorgsam nach, auch wenn ihm manche Aufgaben missfallen. Aber so ist das am Theater. Feste Hierarchien bestimmen dein Aufgabengebiet, aus dem du nur schwer ausbrechen kannst.
Bald darauf erlebt der Leser eine Probe mit: der herrschsüchtige, cholerische Schauspieldirektor ist mit allem unzufrieden, schüchtert die Schauspieler dermaßen ein, so dass sie nicht mehr frei spielen können. Das ist sicherlich nicht der Regelfall an jedem Theater. Und dennoch fühlte ich mich sofort an meine Zeit am Theater erinnert. So viele Dinge habe ich selbst so ähnlich erlebt!
Das ist auch das eigentlich Faszinierende an diesem Buch: die Theaterwelt. Man spürt, dass Thomas Schrage selbst einmal an solch einem Ort gearbeitet hat. Zwar schreibt der Autor im Nachwort, dass es diese Hierarchieebenen am Kölner Theater so lange nicht gegeben hätte. An viele städtischen Bühnen sind sie aber Realität, was ich bestätigen kann. Und Michael kratzt an diesen festen Formen bei seinen Ermittlungsversuchen. Dabei begibt er sich nicht nur selbst in Gefahr, sondern stößt etwas bei den Mitarbeitern an, was er nie für möglich gehalten hätte.
Der Fall selbst, die Aufklärung des Todesfalls, ist relativ unspektakulär. Michael wächst dabei nicht auf einmal zum Detektiv über sich hinaus, sondern kämpft vielmehr mit sich selbst und seinen Überzeugungen. Er hadert mit den Strukturen des Theaters, ringt um Aufmerksamkeit für seine Worte und resigniert mehr als einmal. Dabei ist er manchmal seltsam begriffsstutzig, der aufmerksame Leser ihm in manchen Dingen weit voraus. Michael erschließen sich bestimmte Zusammenhänge erst später, oft zu spät, um eine nächste Katastrophe noch verhindern zu können. Das hat mich manchmal enttäuscht, waren die Zusammenhänge für mich doch manches mal schneller klar bzw. wunderte ich mich, wie Michael bestimmte Tatsachen einfach vergessen konnte, nur um später daran erinnert zu werden, wenn es schon zu spät ist. Gleichzeitig macht Michael das aber menschlich. Schließlich ist er kein Polizist, sondern nur Regieassistent. Ein absoluter Amateur in Sachen Ermittlungen, so dass er scheitern muss und eben auch nicht immer allen Fäden in der Hand hält.
Und dennoch war das Buch spannend. Der Schreibstil ist unaufdringlich, realitätsnah und nachdenklich. In dieser Geschichte geht es um viel mehr als nur die Tatermittlung. Das spürt der Leser schnell, denn ein Theater ist immer ein Mikrokosmos der Gesellschaft und die Machenschaften, die dort ablaufen, findet man auch in größeren Maßstäben vor dem Vorhang. Das ist das Spannende und Fesselnde an diesem Roman. Denn zum Schluss macht Michael eine Entwicklung durch, hinterfragt vieles, erklärt sich einiges und ist am Ende ein anderer Mensch als noch zu Beginn der Handlung. Das findet sich selten in einem Krimi, bei einem Ermittler.
FAZIT Man sollte ein Interesse für das Theater haben, wenn man dieses Buch lesen will. Denn ohne das, wird es mühsam, unverständlich und schlimmstenfalls sogar langweilig. Alles spielt sich am Theater ab, das seinen eigenen Regeln folgt, die für Außenstehende manchmal unverständlich sind. Theatertod hat mich dort abgeholt, wo meine Leidenschaften sind. Es ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinne, da kann der Klappentext in die Irre führen. Und dennoch ist die Geschichte spannend, da hier mehr als ein Todesfall ermittelt wird, die Geschehnisse am Theater bald schon eine Metapher für so viel mehr darstellen.
Ich mochte das Buch, würde es aber nicht jedem vorbehaltlos empfehlen. Einfach weil es in seiner Konstruktion speziell ist. Ein Krimi der besonderen Art, der sich deutlich von den gängigen, auf den Markt anzutreffenden, Thrillern und Kriminalromanen abhebt.

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